In meinem fortlaufenden Projekt Rekonstruktion & Simulation beschäftige ich mich mit Kunstwerken, die im Laufe der Geschichte durch Zerstörung verloren gegangen sind.
Ausgangspunkt meiner Arbeit sind Kunstwerke aus dem ehemaligen Kaiser-Friedrich-Museum in Berlin, dem heutigen Bode-Museum. Während des Zweiten Weltkriegs wurden viele dieser Werke im Flakturm Friedrichshain eingelagert, um sie vor Bombardierungen zu schützen. 1945 kam es dort zu einem Brand, bei dem sämtliche eingelagerte Kunstwerke zerstört wurden. Heute existieren sie oft nur noch in Form von Fotografien, kurzen Beschreibungen oder als Verweise in der Forschung. Dieses historische Ereignis bildet den Ausgangspunkt meiner künstlerischen Auseinandersetzung.
Ich arbeite mit alten Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus dem Museum und verbinde diese mit intensiver Recherche zu den jeweiligen Künstlern und Werken. Dazu gehören der Vergleich mit erhaltenen Arbeiten derselben Künstler, kunsthistorische Literatur sowie der aktuelle Stand der Forschung. Auf dieser Grundlage rekonstruiere ich die zerstörten Kunstwerke so nah, wie es mir möglich ist — immer in dem Bewusstsein, dass es sich dabei um Annäherungen handelt und nicht um eine Wiederherstellung des Originals.
Für jedes rekonstruierte Werk entstehen zwei Versionen. Die erste Version verstehe ich als eine Rekonstruktion, die sich am Zustand des Kunstwerks vor seiner Zerstörung orientiert. Sie soll einen Zugang zu dem verlorenen Original ermöglichen. Die zweite Version ist die Simulation: eine hypothetische Weiterführung des Werkes nach seiner Zerstörung. Diese Arbeit setze ich bewusst dem Feuer aus und verbrenne sie, in Anlehnung an das Schicksal des ursprünglichen Kunstwerks.
Mich interessiert dabei besonders das Spannungsfeld zwischen Erhalt und Verlust. Auf der einen Seite steht die Möglichkeit, ein zerstörtes Werk erneut zu erfahren. Auf der anderen Seite verweise ich mit der verbrannten Version direkt auf seine Zerstörung. Die Arbeiten eröffnen so einen Raum, in dem Fragen nach Erinnerung, Vergänglichkeit und dem Umgang mit zerstörtem Kulturerbe verhandelt werden können.
Ein zentraler Aspekt meiner Arbeit ist die Ästhetik des Zerstörten. Für mich verlieren Kunstwerke ihre Bedeutung nicht, nur weil sie beschädigt oder zerstört sind. Wenn ihnen ihre ursprüngliche Funktion genommen wird, entsteht eine neue Form von Präsenz. Indem ich meine Arbeiten bewusst der Zerstörung aussetze, wird dieser Prozess selbst Teil des künstlerischen Schaffens. Zerstörung ist für mich keine bloße Konsequenz, sondern eine aktive Form des Ausdrucks.
Rekonstruktion & Simulation bewegt sich damit zwischen Recherche, Rekonstruktion und Zerstörung — und fragt danach, wie Kunst weiterbestehen kann, auch wenn ihr ursprünglicher Körper verloren gegangen ist.
Memento
„Stadt in der Stadt“ – 1. Biennale 2025. Installation im öffentlichen Raum.
Für die erste Biennale der Skulturenwege in Langenberg entwickelte ich mit Memento eine Arbeit für den öffentlichen Raum. Die Arbeit hält einen flüchtigen Moment fest — einen Augenblick, mit dem sich viele Menschen identifizieren können.
Inhaltlich beschäftigt sich Memento mit dem Träumen und Spielen in der Kindheit. Eine meiner eigenen Kindheitserinnerungen ist das Falten von Papierbooten und das Beobachten, wie sie im Wasser treiben. Diese einfache, scheinbar nebensächliche Handlung steht für eine Zeit, in der Spiel und Vorstellungskraft eng miteinander verbunden waren.
Langenberg, eine Stadt, die von zwei Bächen durchzogen wird, bot dafür einen unmittelbaren Bezug. Aus dieser Ortsbezogenheit heraus entwickelte ich die Figur eines Kindes in gelber Regenkleidung, das auf einer Brücke steht und scheinbar versucht, ein Papierboot aus dem Bach zu angeln. Die Szene wirkt alltäglich und vertraut — zugleich bleibt sie bewusst offen und zeitlos.
Die Arbeit lädt beim Betrachten dazu ein, eigene Erinnerungen zu aktivieren. Vielleicht haben auch sie als Kind Papierboote ins Wasser gesetzt und ihnen beim Davontreiben zugesehen. Memento funktioniert dabei weniger als erzähltes Bild, sondern als Auslöser für persönliche Assoziationen und individuelle Erinnerungsschichten. Im öffentlichen Raum platziert, findet die Begnung mit der Figur ohne erklärenden Rahmen statt. Sie wird Teil des Alltags und schafft einen stillen Moment der Unterbrechung — einen kurzen Innehalten zwischen Bewegung, Erinnerung und Gegenwart.
Wasserturm Geldern
Während meines zweiwöchigen Aufenthalts im Wasserturm Geldern im August 2025 entstanden mehrere Arbeiten, die sich sowohl mit der spezifischen Architektur des Ortes als auch mit zentralen Fragestellungen meiner eigenen künstlerischen Praxis auseinandersetzen.
Eine der Arbeiten ist eine raumbezogene Installation aus blau-weißen Tellern. Die runde Form des Wasserturms griff ich auf, indem ich aus über 200 Tellern eine wandfüllende Verkleidung entwickelte, die sich der Krümmung des Raumes anpasst. Sämtliches Geschirr stammt aus Sozialkaufhäusern, in denen es als Ladenhüter verblieb — ungeliebt, aus der Mode gekommen und ohne sichtbaren Gebrauchswert.
Mich interessiert hier der Wandel von Objekten im Kontext von Zeit, Geschmack und sozialer Bedeutung. Geschirr, das einst als Statussymbol bei gesellschaftlichen Anlässen hervorgeholt wurde, verliert über Jahre und Generationen hinweg an Wert und Aufmerksamkeit. In der Installation verlieren die Teller ihre ursprüngliche Funktion vollständig: Sie werden zu Objekten an der Wand, von denen nicht mehr gegessen werden kann. Ihre Bedeutung verschiebt sich von Gebrauch zu Betrachtung.
Die Anordnung der Teller folgt einer klaren visuellen Logik. Von links nach rechts verändert sich die Gestaltung von reich verzierten, ornamentalen Dekoren hin zu zunehmend schmucklosen, minimalistischen Formen. Der Übergang von Blau zu Weiß markiert dabei sinnbildlich den Wandel von Geschmack und Zeit — von dekorativer Überfrachtung hin zu funktionaler Zurückhaltung.
Eine weitere Arbeit entstand aus zusammengetragenen Materialien vom Straßenrand: alte Rahmenleisten, Teile von Betten, eine Vase sowie vertrocknete Blumen. Es handelt sich um Dinge, die von ihren ursprünglichen Besitzer*innen aufgegeben wurden und ihren Platz im Alltag verloren haben. Aus diesen Materialien entwickelte ich eine Installation, die einen Rahmen für das Gedicht „Der Blumen Rache“ von Ferdinand Freiligrath bildet.
Aus den gefundenen Rahmenleisten fertigte ich neue Bilderrahmen an, die formal und inhaltlich an meine Arbeit Rekonstruktion & Simulation anknüpfen. Auch hier greife ich die Ästhetik des Zerstörten auf. In bewusst überspitzter Weise setzte ich die Rahmen dem Feuer aus. Die entstehenden Spuren begreife ich als einen aktiven Gestaltungsprozess: Die Bilder werden vom Feuer selbst „gemalt“.